Ladendiebstahl zählt zu den größten wirtschaftlichen Herausforderungen des Einzelhandels. Jahr für Jahr entstehen dadurch Schäden in Milliardenhöhe. Dennoch stehen in der öffentlichen Diskussion häufig andere Themen im Mittelpunkt – etwa Inflation, steigende Energiekosten oder der Fachkräftemangel.
Auslöser für diesen Beitrag sind zwei aktuelle Veröffentlichungen des EHI Retail Institute: ein Interview mit Frank Horst zum Thema Ladendiebstahl (siehe https://www.youtube.com/watch?v=A0KW91aBy0w) sowie die Studie „Inventurdifferenzen 2026“ (siehe https://www.ehi.org/produkt/studie-inventurdifferenzen-2026-pdf/). Beide zeigen eindrucksvoll, wie ernst die Situation inzwischen ist.
Die Zahlen sprechen für sich.
- Die Inventurverluste im deutschen Einzelhandel beliefen sich im Jahr 2025 auf 5,11 Milliarden Euro.
- Davon entfallen 4,33 Milliarden Euro auf Diebstahl.
- Allein 3,05 Milliarden Euro wurden durch Kundendiebstähle verursacht.
3,05 Milliarden Euro.
Das ist kein kleines Ärgernis.
Das ist ein massiver wirtschaftlicher Schaden.
Die Entwicklung gibt Anlass zur Sorge
Im Interview erklärt Frank Horst, dass der wertmäßige Ladendiebstahl innerhalb der vergangenen drei Jahre um rund 25 Prozent gestiegen ist. Selbst nach Berücksichtigung der Inflation verbleibt ein Anstieg von etwa 15 Prozent.
Diese Entwicklung zeigt, dass es sich keineswegs um kurzfristige Schwankungen handelt.
Der Trend weist seit Jahren in die falsche Richtung.
Noch alarmierender ist allerdings ein anderer Wert.
Der Handel sieht nur einen Bruchteil
Nach Angaben des EHI liegt die Aufdeckungsquote von Ladendiebstählen bei unter zwei Prozent.
Mit anderen Worten:
Der überwiegende Teil aller Diebstähle bleibt unentdeckt.
Das verändert die Situation grundlegend.
Denn wenn die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden, äußerst gering ist, verliert selbst moderne Überwachungstechnik einen Teil ihrer abschreckenden Wirkung.
Organisierter Ladendiebstahl
Besonders kritisch ist die Entwicklung beim organisierten Ladendiebstahl.
Nach Einschätzung des EHI verursachen organisierte Tätergruppen inzwischen rund ein Drittel aller durch Kundendiebstahl entstehenden Schäden.
Das entspricht ungefähr einer Milliarde Euro pro Jahr.
Dabei handelt es sich längst nicht mehr um spontane Gelegenheitsdiebstähle.
Vielmehr agieren professionelle Gruppen arbeitsteilig, gut organisiert und häufig grenzüberschreitend.
Bei einer Aufdeckungsquote von unter zwei Prozent dürfte es diesen Tätergruppen vergleichsweise wenig ausmachen, auf einer Überwachungskamera erfasst zu werden.
Wenn auf die Entdeckung keine spürbaren Konsequenzen folgen, reicht Technik allein nicht aus.
Hier stellt sich die Frage:
Was kann und muss der Staat tun, um organisierte Tätergruppen wirksam zu bekämpfen, die den Einzelhandel systematisch schädigen?
Diese Frage richtet sich nicht an den Handel.
Sie richtet sich an Politik, Justiz und Strafverfolgungsbehörden.
Technik allein wird das Problem Ladendiebstahl nicht lösen
Doch organisierte Kriminalität erklärt nur einen Teil der Inventurdifferenzen.
Wenn rund ein Drittel der Schäden auf organisierte Tätergruppen entfällt, verbleibt ein erheblicher Anteil beim klassischen Kundendiebstahl.
Und genau hier verändert sich die Diskussion.
Denn nun geht es nicht mehr ausschließlich um Technik.
Es geht um Werte.
Und um gesellschaftliche Verantwortung.
Ist Ladendiebstahl wirklich ein Kavaliersdelikt?
Noch immer scheint in Teilen der Gesellschaft die Vorstellung zu existieren:
„Ein bisschen Ladendiebstahl schadet doch niemandem.“
Diese Sichtweise ist gefährlich.
Denn gestohlen wird nicht bei einem anonymen Unternehmen.
Die Folgen treffen letztlich alle.
Jeder gestohlene Artikel verursacht Kosten.
Und diese Kosten verschwinden nicht.
Sie führen unter anderem zu:
- höheren Verkaufspreisen
- zusätzlicher Warensicherung
- mehr Videoüberwachung
- strengeren Kontrollen
- aufwendigeren Prozessen
- sinkendem Vertrauen
- einem schlechteren Einkaufserlebnis
Die Leidtragenden sind am Ende die vielen ehrlichen Kundinnen und Kunden.
Prävention ist weit mehr als Technik
Selbstverständlich muss der Handel seine technischen Möglichkeiten konsequent weiterentwickeln.
Dazu gehören unter anderem:
- intelligente Datenanalyse
- moderne Warensicherung
- KI-gestützte Computer Vision
- bessere Überwachung von Checkout-Zonen
- Mitarbeiterschulungen
- klar definierte Prozesse
- optimierte Store-Layouts
Über viele dieser Themen habe ich bereits in anderen Beiträgen meines Blogs geschrieben (siehe z. B. https://dr-rainer-eckert.de/self-checkout-ohne-kontrollwaage/).
Doch so wichtig diese Maßnahmen auch sind:
Sie lösen nur einen Teil des Problems.
Denn jede technische Lösung stößt dort an ihre Grenzen, wo gesellschaftliche Akzeptanz für Regelverstöße entsteht.
Wir brauchen einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel
Ladendiebstahl ist kein Kavaliersdelikt.
Er verursacht jedes Jahr Schäden in Milliardenhöhe, belastet Unternehmen und verteuert Produkte.
Und er verschlechtert das Einkaufserlebnis für alle ehrlichen Kundinnen und Kunden.
Deshalb brauchen wir mehr als nur neue Technologien.
Wir brauchen ebenso:
- konsequente Strafverfolgung
- wirksame Bekämpfung organisierter Tätergruppen
- gesellschaftliche Aufklärung
- und ein gemeinsames Bewusstsein dafür, dass Eigentumsschutz keine Nebensache ist.
Fazit
Moderne Technologien werden künftig eine immer wichtigere Rolle bei der Vermeidung von Inventurdifferenzen spielen. Computer Vision, KI-gestützte Analysen und intelligente Self-Checkout-Systeme bieten dem Handel neue Möglichkeiten, Verluste frühzeitig zu erkennen und Prozesse sicherer zu gestalten.
Doch Technik allein reicht nicht aus.
Ladendiebstahl ist nicht nur ein technisches oder wirtschaftliches Problem.
Er ist auch ein gesellschaftliches Problem.
Und genau deshalb braucht es neben intelligenter Loss Prevention ebenso klare rechtliche Rahmenbedingungen, konsequente Strafverfolgung und einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Ladendiebstahl kein Kavaliersdelikt ist.
