Warum der Digital Skills Indicator (DSI) über den Erfolg der Digitalisierung im Handel entscheidet und warum das Thema „Digitale Kompetenz“ an Bedeutung gewinnt.
Manche erinnern sich vielleicht noch an meinen Beitrag vom vergangenen November zum Thema Kognitive Beeinträchtigungen. Darin ging es um die Frage, wie digitale Produkte und Services so gestaltet werden können, dass sie auch von Menschen mit kognitiven Einschränkungen souverän genutzt werden können. Heute möchte ich daran anknüpfen und zeigen, welche Rolle digitale Kompetenz im Handel für erfolgreiche Digitalisierung spielt.
Losgelöst von der Frage klassischer Behinderungen stellen sich dabei drei weiterführende, grundlegende Fragen:
- Welchen Anteil haben Bürgerinnen und Bürger mit ausreichender digitaler Kompetenz in den einzelnen europäischen Ländern?
- Wie lässt sich „digitale Kompetenz“ überhaupt erfassen und vergleichen?
- Welche Bedeutung hat digitale Kompetenz für den Einzelhandel – und für seine Kunden?

Digitale Kompetenz in Europa: Nur 60 % erfüllen die Mindestanforderungen
Ein Blick auf die aktuellen europäischen DSI-Werte aus 2025 zeigt ein ernüchterndes Bild:
Im EU-Durchschnitt verfügen lediglich rund 60 % der Bevölkerung im Alter von 16 bis 74 Jahren über mindestens grundlegende digitale Kompetenzen.
Gleichzeitig hat sich die EU im Rahmen der Digital Decade ein ambitioniertes Ziel gesetzt:
Bis 2030 sollen mindestens 80 % der Bevölkerung über grundlegende digitale Fähigkeiten verfügen.
Davon sind wir aktuell noch weit entfernt.
Besonders auffällig sind die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Während Staaten wie die Niederlande, Irland, Dänemark, Finnland oder Norwegen Werte nahe oder sogar oberhalb der 80-Prozent-Marke erreichen, liegt Deutschland unter dem EU-Durchschnitt – ein Befund, der angesichts des eigenen Anspruchs als führende Industrienation zumindest nachdenklich stimmen sollte.
Was ist digitale Kompetenz? Erklärung des Digital Skills Indicator (DSI)
Digitale Kompetenz wird in Europa über den Digital Skills Indicator (DSI) erfasst.
Dabei handelt es sich um einen zusammengesetzten Indikator, der auf dem europäischen DigComp-Referenzrahmen basiert und Aktivitäten in fünf Kompetenzbereichen berücksichtigt:
- Informations- und Datenkompetenz
(z. B. Suchen, Bewerten und Verwalten von Informationen) - Kommunikation und Zusammenarbeit
(z. B. E-Mails, digitale Interaktion, Nutzung öffentlicher Online-Dienste) - Erstellung digitaler Inhalte
(z. B. Texte, Tabellen, Präsentationen, Bearbeitung digitaler Medien) - Sicherheit
(z. B. Datenschutz, Schutz persönlicher Daten, sichere Nutzung digitaler Technologien) - Problemlösung
(z. B. Anpassen von Einstellungen, Installation von Software, Nutzung digitaler Dienste)
Der DSI misst dabei keine theoretischen Kenntnisse, sondern nutzt konkrete digitale Aktivitäten als Proxy für vorhandene Fähigkeiten. Um als Person mindestens über grundlegende digitale Kompetenzen zu gelten, muss in jedem der fünf Bereiche mindestens eine Aktivität erfolgreich ausgeführt worden sein.
Der Digital Skills Indicator: Methodik, Historie und Aussagekraft
Der Digital Skills Indicator wird in seiner Grundidee bereits seit 2003 erhoben.
Allerdings wurden Methodik und Definitionen mehrfach überarbeitet und 2021 europaweit harmonisiert (DSI 2.0).
Seitdem liegen alle zwei Jahre miteinander vergleichbare Werte vor, die auch methodisch gut abgesichert sind. Der DSI wird heute u. a. für:
- die EU-Digitalstrategie,
- den Digital Economy and Society Index (DESI) sowie
- die Fortschrittsmessung der digitalen Transformation
herangezogen.
Die gute Nachricht:
Der EU-Durchschnittswert ist in den letzten Jahren spürbar gestiegen:
- 2021: 53,9 %
- 2023: 55,6 %
- 2025: 60,4 %
Wir bewegen uns also in die richtige Richtung – aber nicht schnell genug.
Digitale Transformation ohne digitale Kompetenz?
Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung stellt sich eine grundlegende Frage:
Wie soll die digitale Transformation gelingen, wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht über die dafür notwendigen Mindestkompetenzen verfügt?
Diese Frage betrifft nicht nur einzelne Branchen oder Altersgruppen.
Jedes Jahr arbeiten Millionen Menschen zusätzlich täglich mit digitalen Systemen – im Büro, im Handel, in der Industrie oder im Dienstleistungssektor.
Ohne digitale Kompetenz wird dies weder effizient noch inklusiv funktionieren.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, ob jemand Videos auf TikTok hochladen oder Inhalte auf YouTube konsumieren kann. Der DSI misst Fähigkeiten, die notwendig sind, um wertschöpfend, sicher und souverän in digitalen Organisationen zu arbeiten und digitale Services zu nutzen.
Was bedeutet mangelnde digitale Kompetenz für den Einzelhandel?
Für den Handel stellt sich weniger die Frage, warum digitale Kompetenzen in einzelnen Ländern niedriger sind als erwartet.
Viel entscheidender ist eine andere Frage: Gibt es Konsequenzen für digitale Customer Journeys im Handel?
Hier schließt sich der Kreis zu meinem Beitrag über kognitive Beeinträchtigungen.
Denn was für Menschen mit kognitiven Einschränkungen gilt, gilt in vielen Punkten auch für Menschen mit niedriger digitaler Kompetenz.
Konsequenzen für digitale Customer Journeys im HandelAus Sicht des Handels ergeben sich daraus klare Aufgaben:
- Abbau digitaler Einstiegshürden und Barrieren
- einfachere, klarere Strukturierung von Einkaufs-Apps
- intuitivere, einheitlichere Bedienkonzepte bei Self-Checkout-Systemen
- reduzierte, konsistente und verständliche GUIs in Online-Shops
Digitale Customer Journeys müssen auch ohne hohe digitale Kompetenz nutzbar, verständlich und attraktiv sein.
Fazit: Digitale Kompetenz als Voraussetzung erfolgreicher Digitalisierung
Wenn man den DSI-Zahlen glaubt, verfügen rund 40 % der EU-Bevölkerung im Alter von 16 bis 74 Jahren nicht über ausreichende digitale Grundkompetenzen. Ein Anteil, der – gerade im Kontext einer immer weiter digitalisierten Handelslandschaft – nicht ignoriert werden kann. Ohne ausreichende digitale Kompetenz im Handel bleibt digitale Transformation Stückwerk.
Zu provokativ? Vielleicht.
Aber genau deshalb sollten wir darüber sprechen.
Ich freue mich auf den Austausch – und auf eine sachliche, faktenbasierte Diskussion.
