Self-Checkout Migros 1965: Lange bevor Scanner, Touchscreens und KI den Kassenbereich prägen, startet die Migros ein Experiment, das seiner Zeit Jahrzehnte voraus ist.
Die Rolling Stones stürmen die Charts, Computer füllen ganze Räume – und der führende Schweizer Einzelhändler startet mit dem Projekt Self-Checkout Migros 1965 in der Filiale Zürich-Wollishofen ein Experiment, das seiner Zeit weit voraus ist: Kunden sollen ihre Einkäufe selbst registrieren. Nicht scannen, wohlgemerkt, sondern tippen – auf einer mechanischen Tastatur. Selbsttipp-Kassen nennt man das. Und das alles unter einem Schild, das zugleich Programm und Hoffnung ist: „Vertrauen gegen Vertrauen“.


Self-Checkout Migros 1965: Ein Experiment mit Pioniergeist
Die Idee ist ebenso einfach wie kühn. Der Einkauf erfolgt wie gewohnt im Selbstbedienungsladen. Doch statt sich anschließend in die Kassenschlange einzureihen, addiert der Kunde seine Einkäufe eigenständig an einer der Selbsttipp-Kassen. Mit dem dort erstellten Bon geht es zur Zahlkasse, wo lediglich der Gesamtbetrag kassiert wird. Keine Zwischenkontrolle, keine Stichprobe. Das Experiment Self-Checkout Migros 1965 basierte vollständig auf Vertrauen und manueller Warenerfassung durch die Kunden.
Aus heutiger Sicht wirkt das fast naiv – aus damaliger Sicht ist es visionär. Migros stellte in der Filiale Zürich-Wollishofen gleich 14 Selbsttipp-Kassen auf. Europaweit beachtet, medial begleitet, neugierig beäugt. Ein echtes Reallabor des Handels. Oder der erste „Future-Store“ seiner Zeit – ganz wie man es sieht. Wer dieses Labor einmal „besuchen“ möchte, dem empfehle ich zwei Videos aus dem Jahr 1965:
Video des SRF: https://www.youtube.com/watch?v=-rAXEy2szyU
Video des HR: https://www.ardmediathek.de/video/hr-retro-oder-der-markt/neue-wege-in-der-selbstbedienung/hr/NTNkMzQzNzktN2Q3NS00NDA5LWI4NTEtYWQwZjIyODc2YTYw
Ebenfalls hoch interessant ist die Rückschau der Migros auf ihre 100-jährige Geschichte (https://corporate.migros.ch/de/ueber-uns/unsere-geschichte/timeline). Der Zeitstrahl startet im Gründungsjahr 1925. Aus dem Jahr 1965 wird dort über die Selbsttipp-Kassen berichtet (https://corporate.migros.ch/de/ueber-uns/unsere-geschichte/timeline/vertrauen-gegen-vertrauen).


„Hausfrauen, kauft ein – kauft ein!“
Der Ton der Zeit klingt heute ungewohnt, fast charmant. Im o. g. Beitrag des SRF (siehe erster Video-Link oben) spricht man von einem „neuen Sport für die Hausfrau“. Kunden werden gefragt, ob sie „Mut“ zum Selbertippen hätten. Die Antworten sind herrlich ehrlich:
- „Ich habe keine Zeit – mir dauert das zu lange!“
- „Man muss sich zuerst daran gewöhnen.“
- „Natürlich geht es schneller!“
Zwischen Skepsis, Neugier und echter Begeisterung zeigt sich schon hier ein Muster, das wir auch 60 Jahre später an Self-Checkout-Systemen kennen: Akzeptanz ist keine Selbstverständlichkeit – sie ist situationsabhängig.
Migros-Direktor Wolbold: Erstaunlich modern
Besonders spannend sind die Aussagen von Migros-Direktor Wolbold im o. g. Video des Hessischen Rundfunks von 1965 (siehe zweiter Video-Link oben). Seine Motive klingen verblüffend aktuell:
- Vermeidung von Stauungen an den Kassen
- Beschleunigung des Kaufablaufs
- Akuter Personalmangel im Detailhandel
- Hoffnung auf Personaleinsparung
Wer diese Punkte liest, könnte meinen, es handele sich um ein Interview aus dem Jahr 2025.
Auch die ersten Zahlen sind beeindruckend: Bereits nach kurzer Zeit nutzen 67 % der Kunden das neue System – und zwar keineswegs nur junge Menschen. Im Gegenteil: Direktor Wolbold betont ausdrücklich die hohe Beteiligung älterer Kundinnen bis 70, 80 Jahre und mehr. Das Experiment funktioniert. Zumindest auf den ersten Blick.
Und dann fällt dieser bemerkenswerte Satz von Direktor Wolbold:
„Wir hoffen jetzt natürlich, dass es auch vom Franken her gesehen glückt. Dass das Vertrauen, das wir unserer Kundschaft entgegenbringen, auch wirklich belohnt wird.“


Der Knackpunkt: Inventurdifferenzen
Hier beginnt der leise, aber entscheidende Wendepunkt der Geschichte. Denn so elegant das System gedacht war – die Realität im Markt zeigte eine Kehrseite: Signifikante Inventurdifferenzen.
Migros bleibt zunächst vorsichtig in der Interpretation. Man wolle nicht vorschnell von Unehrlichkeit sprechen. Vielleicht sei es unsorgfältiges Tippen. Vielleicht andere Faktoren. Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die Differenzen sind so hoch, dass man reagiert:
- zunächst mit stichprobenweisen Kontrollen,
- später mit ständigen Kontrollen aller Einkäufe.
Spätestens hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn was bleibt von der erhofften Beschleunigung des Kassiervorgangs, wenn am Ende doch wieder alles kontrolliert werden muss?
Die ehrliche Antwort: Nichts!
Nach vier Jahren wird das Experiment stillschweigend beendet. Kein großes Scheitern, kein Skandal – sondern die nüchterne Erkenntnis, dass ein bestechendes Konzept an der menschlichen Realität gescheitert ist.


Vom Self-Checkout Migros 1965 zu modernen SCO-Systemen
Springen wir ins Heute. Self-Checkout-Systeme (SCO) sind aus modernen Supermärkten kaum noch wegzudenken. Die Ziele sind identisch mit denen von 1965:
- Höhere Kassiergeschwindigkeit
- Weniger Schlangen
- Entlastung bei Personalmangel
- Senkung von Personalkosten
Und auch das Kernproblem ist geblieben:
Sobald der Kunde die Warenerfassung selbst übernimmt, steigen die Inventurdifferenzen.
Der Unterschied zu 1965 liegt nicht im Menschen – sondern in der Technologie.


Vertrauen allein reicht nicht – damals wie heute
Mein persönliches Fazit ist daher klar: Das Experiment Self-Checkout Migros 1965 zeigt eindrucksvoll, dass technischer Fortschritt allein nicht genügt, wenn menschliche Faktoren unterschätzt werden. Der Appell „Vertrauen gegen Vertrauen“ war sympathisch, mutig und richtig gedacht. Aber er wurde weder damals noch heute von allen Kunden uneingeschränkt befolgt. Nicht aus Bosheit, sondern aus einer Mischung aus Nachlässigkeit, Überforderung, Zeitdruck – und ja, auch aufgrund bewusster Manipulation.
Heute gilt: Es geht im Retail nicht mehr ohne SCO!
Und genauso gilt: Es geht nicht ohne Maßnahmen zur Vermeidung von „Erfassungsungenauigkeiten“!
Der große Unterschied zu 1965:
Der Handel steht heute nicht mehr mit mechanischen Tasten und Hoffnung da, sondern mit einem leistungsfähigen Instrumentarium zur „Fraud-Prevention“ bestehend u. a. aus
- KI-Systeme zur Erkennung von Produkten
- KI-Systemen zur Analyse des Kundenverhaltens am SCO
- EAS-Systemen und Sicherungsetiketten sowie Sicherungsverschlüsse und gesicherte Umverpackungen für diebstahlgefährdete Warengruppen
- Kontrollwaagen
- Vernetzung mit artikelspezifischen Daten aus dem POS-System für Plausibilitätsprüfungen
- Elektronisch gesteuerte Exit-Gates
- Monitoring des Laufverhaltens der Kunden innerhalb der SCO-Zone
Die obige Liste ist keinesfalls vollständig. Aber sie zeigt: Während die SCO-Zone bei Migros 1965 ein Experiment mit offenem Ausgang war, haben sechs Jahrzehnte technologischer Weiterentwicklung daraus heute ein beherrschbares System gemacht, in dem mehrere Komponenten zur Vermeidung von Ladendiebstahl gezielt miteinander interagieren.
Respekt vor den Pionieren
Was bleibt, ist großer Respekt vor Migros. Der Konzern hat 1965 etwas gewagt, das seiner Zeit Jahrzehnte voraus war. Ohne Blaupause. Ohne digitale Sicherungsnetze. Mit echtem Unternehmerrisiko.
Oder anders gesagt:
Der erste SCO der Welt stand nicht 1990 auf der EuroShop (siehe https://dr-rainer-eckert.de/check-robot-der-weltweit-erste-sco-auf-der-euroshop-1990/) – sondern bereits 1965 in Zürich-Wollishofen.
Once upon a time in Switzerland.
Last but not least gilt mein herzlicher Dank dem Archiv des Migros-Genossenschafts-Bundes, Zürich sowie dem Archiv des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), Zürich für ihre Unterstützung und die Genehmigungen zur Verwendung historischen Bildmaterials.
Rechtehinweis:
Die Verwendung von Fotos der Migros sowie von Screenshots aus dem Original SRF Video von 1965 erfolgen mit freundlicher Genehmigung der jeweiligen Rechteinhaber. Alle Rechte an Bild- und Videomaterial verbleiben bei den Urhebern. Eine Weiterverwendung – ganz oder auszugsweise, zu kommerziellen oder nicht-kommerziellen Zwecken – ist ohne ausdrückliche Zustimmung nicht gestattet.
