Die Inventurdifferenzen im Einzelhandel 2024 erreichen in Deutschland eine neue Dimension. Das EHI Retail Institute meldet für 2024 Inventurdifferenzen im deutschen stationären Einzelhandel in Höhe von 4,95 Mrd. € mit folgender Aufteilung (1):
- Diebstähle durch Kunden: 2,95 Mrd. €
- Diebstähle durch eigene Angestellte: 0,89 Mrd. €
- Diebstähle durch Servicekräfte und Lieferanten: 0,37 Mrd. €
Noch beunruhigender als diese absolute Höhe ist die Dynamik: Seit 2017 sind die durch Kunden verursachten Verluste absolut um knapp 30 % gestiegen, während Umsatz und interne Verluste deutlich moderater zulegten. Auch die Kriminalstatistik der deutschen Polizei zeigt eine Zunahme angezeigter Ladendiebstähle um nahezu 13 % im gleichen Zeitraum.

Inventurdifferenzen im Einzelhandel 2024 sind kein deutsches Sonderproblem.
Wer glaubt, die Entwicklung in Deutschland sei ein Sonderfall, verkennt die internationale Lage.
Für das Vereinigte Königreich berichtet der British Retail Consortium (BRC) in seinem Retail Crime Survey 2025 für den Zeitraum September 2023 bis August 2024 von über 20 Millionen Ladendiebstahl-Vorfällen (2). Die direkten Kosten durch Kundendiebstahl beziffert der Verband auf rund £2,2 Milliarden, während die Händler gleichzeitig über £1,8 Milliarden jährlich in Präventionsmaßnahmen investieren.
Parallel dazu weist das britische Office for National Statistics (ONS) für den Zeitraum Oktober 2024 bis Stand September 2025 in England und Wales mit über 519.381 polizeilich erfassten Shoplifting-Delikten einen neuen Höchststand aus; gegenüber dem Vergleichszeitraum in 2023/2024 ist die Zahl nochmals um 5% angestiegen (3).
Ähnlich sieht es in Irland aus: Dort erreichten Diebstahl- und verwandte Delikte im Jahr bis Q3 2024 mit 77.260 registrierten Fällen (+7 %) den höchsten Stand seit Beginn der aktuellen Zeitreihe, wobei 57 % des Anstiegs auf Ladendiebstahl entfielen (4).
Diese Zahlen zeigen zweierlei:
- Die Dynamik steigender Ladendiebstähle ist kein deutsches Einzelphänomen.
- Händler reagieren europaweit mit deutlich steigenden Investitionen in Sicherheit und Prävention.
Zwar existiert keine einheitliche EU-Statistik zu Inventurdifferenzen, doch die parallele Entwicklung in einem der größten europäischen Einzelhandelsmärkte bestätigt:
Die strukturelle Herausforderung ist europäisch – nicht national.
Gleichzeitig liegt der Self-Checkout-Anteil in anderen Ländern wie z. B. UK, Frankreich oder Niederlande deutlich höher als in Deutschland – was nahelegt, dass dort ein größerer relativer Einfluss von SCO-Systemen auf Inventurdifferenzen besteht. Denn leider ist die Verlustrate lt. dem EHI an SB-Kassen 15–30 % höher als an Bedienkassen.
Bereits 1965 musste die Schweizer Migros feststellen, dass Self-Checkout-Systeme Hemmschwellen senken können (siehe https://dr-rainer-eckert.de/self-checkout-migros-1965/). Es handelt sich also keineswegs um ein neues Phänomen.
Wer stiehlt – und warum?
Thomas Zeiss (Sicherheitsmanager Lekkerland SE) formulierte es einmal bewusst zugespitzt:
- 25 % sind grundehrlich.
- 25 % sind grundsätzlich deliktbereit.
- 50 % sind situativ verführbar.
Über die exakten Prozentwerte lässt sich trefflich streiten. Über das Prinzip kaum.
Nehmen wir daher folgende Arbeitshypothese an: Rund 50 % der Kunden und auch der Mitarbeitenden sind in Bezug auf Diebstahl situativ beeinflussbar. Diese Gruppen entscheiden maßgeblich über die Höhe der Inventurdifferenzen.
Konsequenz: Fokus auf die situativ beeinflussbare Gruppe!

Aus dem 3-Gruppen-Modell ergibt sich eine klare Strategie:
- Die 25 % Grundehrlichen benötigen keine Abschreckung.
- Die 25 % professionell Deliktbereiten erreicht man nur begrenzt.
- Die 50 % situativ Beeinflussbaren sind der wirtschaftliche Hebel.
Drei zentrale Handlungsfelder:
- Gelegenheiten minimieren
- Entdeckungsrisiko vermitteln
- Präsenz zeigen
Minimierung günstiger Gelegenheiten
Das Spektrum reicht heute von klassischen EAS-Systemen über Exit-Gates und Kassensperren bis hin zu Gewichtskontrollen und KI-gestützter Videoanalyse.
Doch Technik allein reicht nicht.
Entdeckungsrisiko vermitteln
Prävention ist immer auch Psychologie. Situativ beeinflussbare Personen müssen spüren, dass ein Regelbruch mit hoher Wahrscheinlichkeit erkannt wird. Sichtbare Kameras, Selbstbild-Monitore oder klare Hinweise auf Kontrollmaßnahmen entfalten eine erkennbare Wirkung.
Personalpräsenz bleibt entscheidend
Trotz aller Technologie bleibt gut geschultes Personal der stärkste Einflussfaktor, denn spätestens wenn ein Kunde angesprochen werden muss, wird klar: Technik entfaltet Wirkung nur im Zusammenspiel mit Menschen. Freundliche, klare Ansprache verhindert Eskalationen und reduziert Verluste.
Fazit: Das eigentliche Problem heißt Gelegenheit
„Gelegenheit macht Diebe“ ist kein moralischer Vorwurf.
Es ist ein ökonomisches Gesetz menschlichen Verhaltens.
Wer Systeme schafft, die unbeobachtete, risikofreie Gelegenheiten bieten, sollte sich nicht wundern, wenn Inventurdifferenzen steigen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
„Wie viele Diebe haben wir?“
Sondern:
„Wie viele „günstige“ Gelegenheiten haben wir geschaffen?“ und
„Wie können wir diese Anzahl verringern?“
Und vielleicht ist es an der Zeit, ehrlichen Kunden transparent zu erklären, dass jeder gestohlene Artikel am Ende von allen bezahlt wird: Durch höhere Preise, geringere Servicequalität oder weniger Personal.
Gelegenheiten werden gestaltet – ob deren Anzahl reduziert wird, ist Managemententscheidung.
Quellen:
1. EHI-Studie “Inventurdifferenzen 2025”
Daten, Fakten, Hintergründe aus der empirischen Forschung zu Inventurdifferenzen für das Jahr 2024, Autor: Frank Horst (EHI)
https://www.ehi.org/produkt/studie-inventurdifferenzen-2025-pdf/
2. BRC Retail Crime Survey 2025
Bericht von Tom Ironside, veröffentlicht auf der Homepage des British Retail Consortium (www.brc.org.uk)
https://brc.org.uk/news-and-events/news/operations/2025/ungated/brc-retail-crime-survey-2025/?utm_source=chatgpt.com
3. Crime in England and Wales: Year ending September 2025
Statistischer Bericht veröffentlicht vom Office for National Statistics (ONS)
Crime in England and Wales: year ending September 2025
4. Theft And Related Offences Reached Highest Levels In 2024 – CSO (Ireland)
Bericht von Sarah O’Sullivan, veröffentlicht auf der Homepage www.checkout.ie
https://www.checkout.ie/retail/theft-related-offences-reached-highest-level-in-2024-cso-216853
