Barrierefreiheit im Handel

Podcast: Barrierefreiheit im Handel – Pflicht, Chance oder beides?

In dieser Folge des Podcasts „handelkompetent“ spricht Moderatorin Anja Borberg mit Dr. Rainer Eckert (Retail Engineering) über das Thema Barrierefreiheit im Handel – und darüber, warum sie weit mehr ist als nur eine gesetzliche Verpflichtung.

Seit dem 28. Juni 2025 gilt in allen EU-Ländern der European Accessibility Act (EAA). In Deutschland wird er durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) umgesetzt. Dieses Gesetz verpflichtet nicht nur Behörden, sondern auch Unternehmen – vom Großkonzern bis zum kleinen Einzelhändler – ihre Produkte und Dienstleistungen barrierefrei zu gestalten.

Dr. Eckert erklärt, was das konkret bedeutet

Barrierefreiheit betrifft nicht nur Online-Shops, sondern auch digitale Systeme im stationären Handel – etwa Self-Checkout-Kassen, Bezahlterminals, Informationskioske oder Ticketautomaten. Ziel ist, dass alle Menschen – unabhängig von körperlichen, sensorischen oder kognitiven Einschränkungen – diese Geräte nutzen können.

Dabei geht es nicht allein um Menschen mit Behinderung. Auch ältere Personen, Schwangere, Eltern mit Kinderwagen oder Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik profitieren von besser zugänglicher Technik. Der EAA steht für eine inklusive Gesellschaft, in der Technologie niemanden ausschließt, sondern allen den gleichen Zugang ermöglicht.

Wie können Touchscreens barrierefrei werden?

Im Gespräch erläutert Dr. Eckert, warum Touchscreens von blinden Menschen nicht direkt bedient werden können – und welche Lösungen es gibt, um diese Barriere zu überwinden.

Mit Hilfe sogenannter assistiver Technologien wie Sprachausgabe über Kopfhörer, taktile Cursorsteuerungen oder akustische Rückmeldungen lassen sich Geräte so erweitern, dass auch blinde oder sehbehinderte Menschen sie nutzen können. Das erfordert angepasste Software, zusätzliche Schnittstellen und ein Umdenken im Design – aber es funktioniert.

Wenn Verstehen zur Barriere wird

Ein weiteres Thema sind kognitive Einschränkungen, zum Beispiel:

  • Lernschwierigkeiten
  • Demenz
  • Dyslexie oder
  • geringe Lesekompetenz

Laut Studien der Universität Maastricht und von Eurostat haben 20 bis 45 Prozent der Erwachsenen in EuropaProbleme beim Lesen und Verstehen digitaler Inhalte. Dr. Eckert betont, dass hier eine klare und einfache Gestaltungentscheidend ist – etwa durch „leichte Sprache“, übersichtliche Menüstrukturen und ausreichend Zeit für Entscheidungen am Terminal.

Auch Motorik und Farben spielen eine Rolle

Viele Barrieren entstehen unbewusst – etwa bei Farbsehschwächen oder eingeschränkter Feinmotorik. Dr. Eckert nennt Beispiele: Wenn an einem Terminal rote und grüne Symbole die einzigen Unterscheidungsmerkmale sind, wird das für farbenblinde Menschen zur echten Herausforderung.

Auch kleine Tasten oder zu empfindliche Touchscreens können für ältere oder motorisch eingeschränkte Personen zur Hürde werden. Hier helfen größere Bedienelemente, taktile Rückmeldungen und eine optimierte Anordnung der Komponenten – nach den Vorgaben der EN 301 549.

Kleine Händler, große Chancen

Gerade für kleine und mittlere Einzelhändler sieht Dr. Eckert große Chancen:
Sie sind näher an ihren Kundinnen und Kunden, können schneller reagieren und Veränderungen pragmatisch umsetzen.

Barrierefreiheit kann somit ein echter Wettbewerbsvorteil sein – weil sie Vertrauen schafft, neue Zielgruppen erschließt und zeigt, dass Kundennähe ernst genommen wird.

Dr. Eckert ruft dazu auf, Betroffene zu Beteiligten zu machen – also Menschen mit Behinderungen aktiv in die Entwicklung und das Testen neuer Systeme einzubeziehen. Nur so entstehen Lösungen, die im Alltag wirklich funktionieren.

Blick in die Zukunft

Im internationalen Vergleich – etwa mit den USA oder Südkorea – ist Barrierefreiheit im Handel dort schon weiterverbreitet. In Europa steckt das Thema vielerorts noch in den Anfängen.

Doch der EAA und das BFSG sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Dr. Eckert ist überzeugt:

Barrierefreiheit wird in Zukunft selbstverständlich sein. Und je früher sich Unternehmen mit dem Thema befassen, desto größer ist der Nutzen – für die Kundschaft ebenso wie für die Marke.

Sein Appell
„Barrierefreiheit ist keine Last, sondern eine Investition in die Zukunft.
Wenn wir Technik für alle gestalten, profitieren am Ende auch alle davon.“

Dauer des Podcasts: ca. 30 Minuten
Podcastreihe: handelkompetent – Mittelstand-Digital Zentrum Handel
Gäste: Dr. Rainer Eckert (Retail Engineering), Anja Borberg
Link zum Podcast

Sie möchten sich mit mir persönlich über dieses Thema unterhalten? Sehr gerne – ich freue mich auf Ihren Anruf!